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Das Buch

Manfred Peter Hein:
Finnische Literatur in Deutschland. Essays zur Kivi- und Sillanpää-Rezeption.

Oskar Loerkes finnische Reise

Beginn des Aufsatzes

Loerke hat Finnland niemals besucht. In seiner kritisch wertenden Begegnung mit finnischer Literatur kommt die Frage nach dem bedingenden Zeithintergrund, die das deutsch-finnische Verhältnis gerade auch im Blick auf Literarisches gemeinhin bestimmte, nirgends vor. Das in den Begleittexten Mitgeteilte gab dem Rezensenten keinen besonderen Anlaß dazu, und wie man annehmen darf, in der Vorahnung von nichts Gutem: einer am unverstellten Leserinteresse vorbeiführenden ideologischen, wenn nicht gar doktrinären Angelegenheit, beließ er es dabei. Von der finnischen Bücherkarren-Fracht, die Loerke 1923 im Berliner Börsen-Courier vorstellt, war für ihn außer dem Kalevala, dessen Übersetzung er in der Bearbeitung von Martin Buber seit 1914 kannte, alles neu: eine Lyrik-Anthologie aus sieben Jahrzehnten in der Übersetzung des bedeutenden finnischen Symbolisten Otto Manninen; das Heideschuster-Volksstück von Alexis Kivi; vier Romane: Kivis Sieben Brüder, Johannes Linnankoskis Flüchtlinge, Ilmari Kiantos Roter Strich und Juhani Ahos Schweres Blut; und zwei längere Erzählungen: Ahos Eisenbahn und Maria Jotunis Alltagsleben.

Er hat genau gelesen. Er stieß auf ihm Nahes. So wurde die finnische Erzähltradition zu seiner Entdeckung, welche weiter nicht besonders angepriesen zu werden brauchte. Es hätte auch wenig genutzt, denn die von ihm vorgestellten finnischen Erzähler waren von einer (auch Militanz nicht ausschließenden) Idee nordwärts grenzverwischend völkischer Wesensgemeinschaft, welche den Literaturtransfer und die Rezeption von dessen Fracht auf lange hinaus beherrschen sollte, vereinnahmt, noch ehe sie auch nur recht in deutscher Zunge hätten zu Wort kommen kónnen. Da war auf breiter Front nichts zu entbergen. Wieweit Loerke sich dessen bewußt war, mit seinem Bild finnischer Literatur im Abseits zu stehn, ist nachträglich schwer zu klären, zumal sich in seinen Schriften in dieser Richtung keinerlei Aufschluß noch Hinweis finden läßt. Daß ihm völkischer Jargon, und was dieser intendierte, schlimmer als ein Dorn im Auge war, ist mehrfach zu belegen. Durch eine Aufzeichnung von 1927/28 zum Beispiel: "Volkstümlich schreiben? Es gibt jetzt kein Volk. Volkstümlich hieße unnatürlich, manieriert."

Sillanpää und seine deutschen Leser

Beginn des Aufsatzes

F. E. Sillanpää, der 1939 den Nobelpreis für Literatur erhielt, wäre dies Jahr am 16. September 100 Jahre alt geworden. In Finnland ist das Datum ein Ereignis, auf das reichhaltig durchs ganze Jahr hindurch hingewiesen wird. Die Literaturkenner fragen sich ausgiebig, was gibt Sillanpää heute noch Finnland und der Welt. Und wie stand und steht es um sein Werk im deutschen Sprachraum?

In einer Lübecker Besprechung der Aufführung von Kivis Heideschustern anläßlich der alljährlichen Reichstagung der Nordischen Gesellschaft zur Sommersonnenwende 1939 stand zu lesen: "Der starke Einfluß des deutschen Geisteslebens auf die nationale Befreiung der finnischen Volksseele, über die in Lübeck der Dichter Koskenniemi einmal vor einem kleinen Kreis sprach, hat neben der finnisch-deutschen Waffenbrüderschaft [von 1918] die feste Brücke zwischen uns und dem Lande der tausend Seen für alle Zeiten geschlagen. Sillanpää, Jarl Hemmer, Maila Talvio und Unto Seppänen sind die Wegbereiter dieser neuen geistigen Gemeinschaft geworden, die zugleich mit dem Erstarken der gegenseitigen politischen Macht auch nach innen wachsen wird."

In Lübeck träumte man noch, während dem "Nordischen Gedanken" längst der Boden entzogen war. Am 1. September begann der deutsche Angriff auf Polen. Im geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts vom 23. August hatte Hitler Finnland der sowjetischen Interessensphäre zugeschanzt: Finnland, den "Schild des Nordens gegen das ewige Moskowitertum". Am 30. November begann der sowjetische Angriff auf Finnland. Die finnisch-deutsche Waffenbrüderschaft war zum schieren Phantom geworden. Als sich ihr Geist 1941 erneuerte, hatte die Lübecker Nordische Gesellschaft ihre kulturpoltische Rolle bereits ausgespielt. Der Nordische Gedanke diente nurmehr als Marke im zynischen Spiel des totalitären Machtapparats.

SAXA. Germanistische Forschungen zum literarischen Text, Heft 5.
ISBN 978-951-95422-4-9. € 6.

 

 

 

 


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