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4.2.1.4 Alois Brandstetter: "Der 1. Neger meines Lebens"
Der 1938 im oberösterreichischen Pichl geborene Schriftsteller Alois Brandstetter evoziert in der kurzen Kurzgeschichte (short short story) "Der 1. Neger meines Lebens" eine wahrscheinlich autobiographisch fundierte Episode aus seiner Kindheit. Ein Junge erzählt davon, wie der Vater ihn in einer ihm vollkommen befremdlichen Angelegenheit aufzuklären versucht. Die Textstruktur macht es erforderlich, hier den ganzen Text wiederzugeben:
1945 sah ich den 1. Neger meines Lebens. Der 1. Neger meines Lebens saß auf einem der Panzer, die an meinem Elternhaus vorbeifuhren.
Wir hatten ziemliche Angst, als der 1. Neger vor unserem Schaufenster auftauchte. Vater sagte aber, daß wir keine Angst haben müssen. Vater sagte, daß die Neger auch Menschen sind, nur daß sie leider Neger sind. Immer mehr Neger tauchten vor unserem Stubenfenster auf. Ich konnte noch gar nicht so weit zählen. Vater sagte immer wieder, daß wir keine Angst haben brauchen, weil Neger eigentlich auch Menschen sind. Vater sagte, daß die Neger gewissermaßen auch Menschen sind. Vater sagte, daß Neger sozusagen auch Menschen sind. Vater sagte, daß die Neger in gewissem Sinne auch Menschen sind. Vater sagte, daß wir keine Angst haben brauchen, weil die Neger Menschen sind wie wir sind, nur daß wir Gott sei Dank keine Neger sind, während die Neger bedauerlicherweise Neger sein müssen. Die Neger sind nun einmal Neger, sagte Vater. Aber die Missionäre haben schon viele Neger bekehrt, sagte Vater, und wir tragen dazu unser Scherflein bei, sagte Vater. Er hat selbst einmal gelesen, sagte Vater, wie ein Missionär geschrieben hat, daß viele Neger eine ganz weiße Seele haben. Obwohl kein einziger Neger mit so einer weißen Seele vor unserem Stubenfenster auftauchte, leuchtete es mir doch gleich ein, daß sich mit diesem Bekehren, wie es Vater nannte, oder sonst irgendwie manches an der schwarzen Farbe machen ließe.
Einige Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner sagte Vater beim Mittagessen, daß ein Neger der Nachbarin etwas ganz Böses angetan hat. Mutter sagte aber ganz vorwurfsvoll zu ihm: Aber Martin, und daß Schindeln am Dach sind, sagte sie. Vater sagte aber, daß ein Neger die Nachbarin eigentlich, gewissermaßen und sozusagen vergewaltigt hat. Vater sagte, daß die Neger eigentlich gewissermaßen und sozusagen keine Menschen sind. Vater sagte, daß die Neger in gewissem Sinne Tiere sind. Vater sagte, daß die Neger vergleichbar sind. Vater sagte, daß die Neger nicht wie wir sind. Wir hatten alle große Angst, und meine Schwester begann zu weinen. Vater sagte aber, daß wir keine Angst haben dürfen, weil die Nachbarin genaugenommen eigentlich sowieso eh eine Hure ist. (NL, 105)
Wie aus dem ersten Satz hervorgeht, spielt die Handlung im Jahre 1945, als nach Kriegsende und nach dem Potsdamer Abkommen auch das Territorium Österreichs von den Siegermächten in vier Besatzungszonen aufgeteilt wurde. Der Junge lebt mit seiner Familie in der amerikanischen Besatzunsgzone und dürfte - falls es sich tatsächlich um eine autobiographisch geprägte Episode handelt - etwa sieben Jahre alt sein. Dass er klein ist, erfährt man von ihm selbst: "Ich konnte noch gar nicht so weit zählen" (NL, 105).
Unter den amerikanischen Soldaten sieht der Junge zum ersten Mal in seinem Leben Menschen mit schwarzer Hautfarbe, ein Anblick, der ihn völlig unvorbereitet trifft und die Familie zu verunsichern und zu erschrecken scheint. Der Vater versucht so gut er kann zu beschwichtigen ("auch die Neger sind Menschen") und lässt in seine Erklärung negative Vorurteile über die Neger einfließen (z.B. "leider Neger", "Gott sei Dank keine Neger"), die durch gutmütigere (z.B. "viele Neger haben eine weiße Seele") abgemildert und relativiert werden. Mit fantastischer Geschicklichkeit, durch den meisterlichen Einsatz von Modalpartikeln, will der Vater ein Vorurteil durch ein anderes mal stärken, mal schwächen oder sogar abbauen, was der Junge kaum nachvollziehen kann. Gerade als er nach all den konfusen Er- und Aufklärungsversuchen des Vaters seine Angst abschüttelt, kommt der nächste Schock. Und wieder überschlägt sich der Vater in Beschreibungsversuchen. Der humorvolle, effektvolle Umschlag - in dem angesichts der Angst und des Weinens der Tochter die Angst und der Ekel vor den Negern ("Neger sind in gewissem Sinne Tiere") wieder abgebaut werden müssen ("die Nachbarin ist genaugenommen eigentlich sowieso eh eine Hure") - ist eine Anklage gegen die Erwachsenen, die nicht bereit sind, mit ihrer ererbten und erworbenen Masse an Vorurteilen abzurechnen, sondern sie an die Kinder weitergeben. Bezeichnend ist auch das Verhalten der Mutter, die bei dem Tabu-Thema Sex und Vergewaltigung sofort auf ein banales Thema ablenkt. Sie sprechen absichtlich unverständlich, sie bedienen sich der "'Linguistik der Lüge'", meint Josef Donnenberg in seiner Untersuchung der Kindergeschichten österreichischer Schriftsteller, damit "die Ungereimtheiten, die Fehlhaltungen der Erwachsenen" vom unerfahrenen Kind nicht aufgedeckt werden können. Der Junge erzählt die Geschichte in einem Zug zu Ende und gibt die Worte des Vaters wortwörtlich wieder, auch wenn er ihre Bedeutung offensichtlich nicht versteht, was "der Haltung eines provozierenden Nichtwissens entspricht".
Der Erzähler Brandstetter setzt die Kinderperspektive als satirisches Mittel ein, zur "Entlarvung alltagsprachlicher Wendungen, mit deren Hilfe wir uns selbst und anderen Vorurteile und Fehleinstellungen verbergen, die hier deutlich ihren unmenschlichen Charakter enthüllen".
Fast alle seine Erzählungen, in denen er Begebenheiten und Eindrücke aus seiner Kindheit, Jugend und Studienzeit schildert, sind aus der Haltung des Erinnerns geschrieben. Die Kurzgeschichte "Der 1. Neger meines Lebens" ist eine Satire über die Vorurteile bzw. die Sprachmanipulation der Erwachsenen. Der Autor "beschreibt sich als Teil eines geschichtlichen, sozio-kulturellen Zusammenhangs", wobei "gesellschaftliche Vorgänge nicht harmonisierend dargeboten [werden] (...) und die chronikalische Bestandsaufnahme des Provinzlebens (erweitert um die historische Dimension) [erhalten bleibt]". Brandstetter entwirft ein realistisches Bild eines kleinen Kindes, das unbekannte äußere Umstände in Angst versetzen und verunsichern - und damit auch seine kindliche Welt ins Wanken bringen. Der von ihm reproduzierte, verwirrende 'Monolog' seines Vaters und die Vorurteile, die "vom Kind (unkritisch) übernommen und in einer solchen Häufung aneinandergereiht werden, daß ihre Widersprüchlichkeit sichtbar gemacht (...) wird", können auch junge Leser leicht als satirische Botschaft bzw. als Kritik an der verlogenen Erwachsenenwelt im Allgemeinen verstehen.