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Sie sind hier: SAXA Verlag Berlin - Haupttext - Reihen - Universitätsschriften - Band 2 - Leseprobe

Leseprobe

Christian Niedling:
Zur Bedeutung von Nationalepen im 19. Jahrhundert. Das Beispiel von Kalevala und Nibelungenlied.

A. Einleitung

Im Jahr 1822 beginnen drei junge Männer an der Universität Turku ihr Studium, die jeweils auf ihre Weise Großes für Finnland leisten werden. Dies geschieht zu einer Zeit, in der die Nation sich auf der Suche nach ihrer Identität befindet. Einer von ihnen ist Elias Lönnrot (1802-1884), der Schöpfer des finnischen Nationalepos Kalevala. Dieses Werk bildet den Grundstein der finnischen Literatur. Neben dem Nationalphilosophen Juhana Vilhelm Snellman (1806-1881) und dem Nationaldichter Johan Ludvig Runeberg (1804-1877) gehört Lönnrot durch sein unermüdliches Wirken zu den Wegbereitern der Unabhängigkeit seines Landes. Das Wirken dieser "großen Männer" (finn. suurmiehet) führt Finnland vom Autonomen Großfürstentum im russischen Zarenreich zur unabhängigen Republik im Jahr 1917.

In Finnland war die nationale Identität zu einem erheblichen Teil mit der Stellung der finnischen Sprache bzw. mit ihrer Beziehung zur schwedischen Amtssprache verbunden. So schrieb der Historiker Adolf Ivar Arwidsson bereits 1821: "Vor allem anderen müssen wir unsere Muttersprache schützen und pflegen; denn so lange sie erhalten ist, erkennen wir uns selbst als Volk. Verschwindet die Sprache der Väter, verschwindet auch das Volk und geht zugrunde." Die Förderung der finnischen Sprache erfolgte praktisch parallel zur Rezeption des Kalevala, da in der vorherrschenden Strömung der Zeit beiden Werken gleiche identitätsstiftende Merkmale beigemessen wurden. Daher erscheint es erforderlich, im Rahmen dieser Arbeit auch die Entwicklung der Stellung der finnischen Literatur im Ansatz aufzuzeigen.

Zwischen Deutschland und Finnland bestehen seit Jahrhunderten rege kulturelle Kontakte. Das 19. Jahrhundert markiert für beide Länder eine Zeit von politischen Veränderungen, die für die Nationenbildung entscheidend waren. Auf der Suche nach eigener Identität und beeinflusst durch die Romantik besann man sich auf kulturelle Leistungen, die geeignet waren, die kulturelle Eigenständigkeit und Einheit der jeweiligen 'Nation' zu verdeutlichen. In diesem Zusammenhang erfuhren Kalevala und Nibelungenlied seit dem 19. Jahrhundert eine ungewöhnliche Rezeptionsgeschichte. Der Kalevala-Prozess wurde von der deutschen Seite erkennbar beeinflusst. Es erscheint vor dem Hintergrund der Bedeutung beider Werke merkwürdig, dass sowohl Kalevala als auch Nibelungenlied im öffentlichen Bewusstsein sehr präsent waren, aber selten individuell gelesen wurden.

Das mittelalterliche Nibelungenlied erlangte in der Zeit der nationalen Erhebung zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine zentrale Funktion unter den liberalen Kräften in Deutschland. Zur selben Zeit begann Elias Lönnrot, sich intensiv mit den Mythen seines Volkes zu beschäftigen, die ihn bald zu einer ausgedehnten Sammeltätigkeit finnischer Volkslieder im Land und in angrenzenden Gebieten Kareliens veranlassten. Insgesamt legte er - meist zu Fuß - nahezu 20 000 Kilometer auf der Suche nach Volksdichtung zurück. Dieser Tätigkeit schlossen sich über Jahrzehnte hinweg Finnen aller Gesellschaftsschichten an, sodass der gesammelte und dokumentierte Bestand der finnischen Volksdichtung (Suomen Kansan Vanhat Runot) der größte seiner Art weltweit wurde. Die allgemeine Teilnahme und das Interesse an der eigenen Volksdichtung insbesondere in den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, ist ein deutlicher Beleg für die landesweit verbreitete nationale Einstellung der Finnen. Die Finnische Gesellschaft für Volksbildung gab zu diesem Zweck Leitfäden zum Sammeln der Dichtung heraus.

Lönnrots Sammelreisen führten ihn dazu, inhaltsgleiche Stoffkomplexe miteinander zu verbinden. Die so entstandenen Zyklen wurden in mehreren Stufen zu einem Epos gestaltet, das 1849 seine heute gebräuchliche Form erhielt. Das Kalevala ist seit seiner Erstveröffentlichung 1835 bis in die unmittelbare Gegenwart hinein im Bewusstsein der Finnen der Nachweis ihrer kulturellen Eigenständigkeit geblieben. Die Motive und Helden der Zyklen fanden rasch ihre künstlerische Bearbeitung in Graphik, Plastik und Literatur. Durch die Musik von Jean Sibelius (1865-1957), z. B. den Schwan von Tuonela, erlangten sie schließlich Weltruhm.

Bis heute bleibt das Kalevala in Finnland präsent und lebendig. Belege finden sich in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Ganze Stadtteile und Straßen in allen Teilen des Landes tragen die Namen der Helden des Kalevala, die weiterhin auch als Personennamen genutzt werden. Der Name des Epos ist eingetragenes Warenzeichen z. B. für Schmuck; nationale Konzerne wie Großbanken oder Versicherungen beziehen sich mit ihren Namen Sampo oder Pohjola deutlich auf das Kalevala. Motivteller stellen jedes Jahr zentrale Szenen des Epos dar und finden sich als Sammelobjekte in zahlreichen finnischen Haushalten. In der Gegenwartsliteratur wird immer wieder auf das Kalevala Bezug genommen, was in Deutschland eine eindeutige Parallele zum Nibelungenlied aufweist. Die Bedeutung und Präsenz des Epos für den modernen Industrie- und Technologiestaat Finnland kann nicht überschätzt werden.

Die vorliegende Arbeit beginnt mit der Darstellung des Entstehungsprozesses von Kalevala und Nibelungenlied. Das finnische Epos wird hierbei eingehend betrachtet, da es direkt mit dem Beginn der finnischen nationalen Bewegung verbunden ist. Für das Verständnis der Beanspruchung beider Werke zu patriotischen Zwecken ist jeweils eine kurze Inhaltsangabe anzuführen, die eine Bewertung der Rezeptionsdokumente des 19. Jahrhunderts ermöglicht. Eine knappe Angabe der formalen Gestaltung von Kalevala und Nibelungenlied zeigt grundlegende Unterschiede des Aufbaus der Werke, die auf ihre Entstehung zurückverweisen.

Der Schwerpunkt der Studie liegt in der Darstellung der Rezeptionsphasen der Nationalepen während des 19. Jahrhunderts, die in ihren Grundstrukturen in Deutschland und Finnland deutliche Parallelen aufzeigen. Aufgrund der unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen lassen sich auch klare Differenzen zeigen. Der auf diese Art vorgenommene Vergleich soll allgemeine Tendenzen verdeutlichen und die beeinflussenden Faktoren herausarbeiten. Wegen der auffallenden Übereinstimmungen sollen drei Teilaspekte eingehender dargestellt werden. Diese sind die wissenschaftliche Beschäftigung mit Nibelungenlied und Kalevala, ihre Behandlung an den Bildungseinrichtungen sowie die künstlerische Bearbeitung beider Werke. Da sich die aufzuzeigenden Entwicklungen nicht mit der Wende zum 20. Jahrhundert abbrechen lassen, werden in einem kurzen Ausblick die grundlegenden Tendenzen weiterverfolgt, wenn dies nötig scheint.

b. Rezeptionsphasen

1. Das Kalevala

aa. "Lasst uns also Finnen sein" - Die finnische Rückbesinnung auf die eigene kulturelle Vergangenheit

H. G. Porthan, der zwischen Aufklärung und Romantik stehende Gelehrte, kann als einer der maßgeblichen Initiatoren national gesinnter Aktivitäten angesehen werden. Im Gegensatz zu Daniel Juslenius, dessen Wirkung sich nur auf einen kleinen gelehrten Kreis beschränkte, konnte Porthan und sein Umkreis auch über die Universität hinaus Interessierte erreichen. Hierzu diente etwa die Aurora-Gesellschaft, deren aktives Mitglied Porthan war. Die Gesellschaft verfolgte das Ziel, Studium und Pflege der finnischen Kultur zu betreiben. Ihre Mitglieder waren vorrangig Mitglieder der Universität, Beamte des Gerichtshofes, adlige Grundbesitzer, Pfarrer und junge Offiziere. Ab 1771 gab die Gesellschaft auch Finnlands erste Zeitung heraus: Tidningar Utgifne af et sällskap i Åbo (später Åbo Tidningar), die viele Artikel zur finnischen Kultur veröffentlichte, die oft von Porthan verfasst waren. Durch die Zeitungsartikel, die Studien zur Kulturgeschichte, sein 40 Jahre dauerndes Wirken an der Universität und die Aurora-Gesellschaft gelang es, ein nationales Bewusstsein in immer mehr Landsleuten aufleben zu lassen. Auch Porthans Ansichten zur finnischen Volksdichtung, die er in dem Werk De poesi Fennica vertrat, beeinflussten die folgenden Jahrzehnte nachhaltig.

Porthan sah in der Dichtung nicht nur eine Reflexion der Vergangenheit, sondern ebenso die Reflexion eines reinen und unverdorbenen Ursprungs, der durch das Volk ohne den Einfluss fremder Künste bewahrt wurde. Im Kern lässt sich eine Übereinstimmung der Ansichten Herders und Porthans erkennen, die von einer Nation als organischem Ganzen ausgingen und der jeweils ein eigener nationaler Geist innewohne, der sich am besten in der Volksdichtung widerspiegele. So begann sich ganz am Ende des 18. Jahrhunderts das Konzept des finnischen Volkes als eigenes Volk mit eigener Sprache und eigener Geschichte, eigenen Bräuchen und einem Nationalgeist allmählich herauszubilden.

Neben den Vereinbarungen von Tilsit zwischen Napoleon und Alexander I. entsprach die Annexion Finnlands auch dem Willen, die geopolitische Situation von St. Petersburg dauerhaft zu sichern. Das zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch nicht völlig erschlossene Finnland war in wirtschaftlicher Sicht wenig attraktiv. Mit Finnland verlor Schweden ein Drittel seines Gebietes und ein Viertel der Bevölkerung. Dies führte zu nationaler Rückbesinnung, nicht jedoch zu einer schwerwiegenden Identitätskrise. In Finnland, das den Besuchern jener Zeit als Wildnis erschien und das scheinbar über keine eigene Geschichte verfügte, war die Veränderung jedoch einschneidend. Man konnte sich auf kein stolzes Ereignis der eigenen Geschichte zurückbesinnen, aus dem man für die perspektivlose Gegenwart und unsichere Zukunft Hoffnung schöpfen konnte.

Dabei erwies sich die Niederlage 1808-1809 politisch und kulturell letztlich vorteilhaft für Finnland. Besonders Zar Alexander I. von Russland zeigte sich als fördernder Monarch des Großfürstentums. Finnland wurde nicht in Russland integriert, sondern erhielt einen autonomen Status. Die aus schwedischer Zeit stammende Verfassung und Rechtsprechung wurde beibehalten. Des Weiteren erhielt Finnland ein eigenes Parlament, das in innerfinnischen Angelegenheiten praktisch frei handeln konnte. Auf dem Reichstag in Porvoo von 1809 wurde Finnland durch den Zaren öffentlich in die Familie der Nationen erhoben. Im Jahr 1812 wurden sogar die vor der Annexion von 1808-1809 eroberten finnischen Gebiete dem Großfürstentum wieder angegliedert, ein politischer Vorgang, der auf russischer Seite bei einigen Ministern für Aufsehen und Empörung sorgte. Das bis zu diesem Zeitpunkt eher unbedeutende Helsinki wurde - auch wegen seiner geographischen Nähe zu St. Petersburg - großzügig gefördert und seit 1812 zur Hauptstadt ausgebaut. Der Senatsplatz wurde durch den deutsch-finnischen Architekten Carl Ludvig Engel (1778-1840) nach dem Vorbild von St. Petersburg gestaltet. Der Senat und bald die Universität erhielten hier ihren Sitz. Zur Eröffnung des Hauptgebäudes der kaiserlichen Alexander-Universität in Helsinki sprach Professor Solovjeff über das russische Nationalepos Fürst Igor.

Adolf I. Arwidsson (1791-1858) gilt als der polemischste und politischste Mann im Kreis der Turkuer Romantiker. Unter den Turkuer Romantikern werden die Angehörigen der Generation nach Porthan summiert. Die Strömung kann als erstes nationales Erwachen verstanden werden. Sein Ausspruch wurde zu einem geflügelten Wort: "Wir sind keine Schweden, Russen wollen wir nicht werden, lasst uns also Finnen sein!" Der Ausspruch wird Arwidsson zugeschrieben, ist jedoch nicht schriftlich belegbar. Gleichwohl gibt der Satz griffig die Stimmung der Zeit wieder. Bei Arwidsson lässt sich keine aggressiv feindliche Einstellung erkennen, aber selbst in dieser gemäßigten Form galt er durch seine Kritik als Exponent separatistischer Gedanken.

"Die Turkuer Romantiker hatten sich im Allgemeinen damit begnügt, für eine kulturelle Eigenständigkeit einzutreten, aber seit Arwidssons Stimme immer deutlicher zu vernehmen war, begann man ihr auch Ansätze von politischem Separatismus zu hören." Vor 1809 gab es in Finnland keine ernsthaften Bemühungen, sich vom Mutterland politisch zu trennen.

Das von Arwidsson für ca. ein Jahr herausgegebene Åbo Morgonblad musste 1821 eingestellt werden, im folgenden Jahr verlor er im Rahmen einer politischen Säuberung seine Stellung als Dozent für Geschichte an der Universität Turku, was ihn im Jahr 1823 ins schwedische Exil trieb. Das harte russische Eingreifen mag auch mit dem griechischen Volksaufstand von 1821 gegen das Osmanische Reich in Verbindung stehen, in dessen Zusammenhang man sich ferner auch auf die Bedeutung Homers und dessen Epen als Zeichen nationaler Identität zurückberief. Ähnliche Erhebungen waren auch im Zarenreich zu befürchten - und wurden im polnischen Novemberaufstand von 1830 Realität.

Während der 20er-Jahre des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus lassen sich drei bestimmende Ziele der nationalen Strömung erkennen: Die Sammlung, Erforschung und Veröffentlichung traditioneller finnischer Volksdichtung, das Verfassen einer nationalen Geschichte sowie die Schaffung einer Literatur, die ihrem Wesen nach finnisch war. Diese großen Ziele wurden in den nächsten zwei Dekaden zu einem beachtlichen Teil erreicht.

Bei der Verwirklichung dieses Programms [der Schaffung einer finnischen Identität und Entwicklung des Finnischen zur Kultursprache] richtete sich das Augenmerk gerade auf die Sprache und auf die einzige finnische Literatur, die außerhalb der schon erwähnten engen Spezialgebiete, wenn auch nur sehr wenig bekannt, vorhanden war, nämlich auf die als mündliche Volkstradition auftretende Volksdichtung.

Im Jahr 1809 erschien Friedrich Rühs' Werk Finnland und seine Bewohner. Das Bild der Finnen im 19. Jahrhundert wurde in Deutschland nachhaltig durch dieses Buch geprägt. Der in Göttingen lehrende Rühs war ein ausgewiesener Kenner Nordeuropas und pflegte regelmäßigen Kontakt mit H. G. Porthan, dem bedeutendsten finnischen Wissenschaftler seiner Zeit. Nachfolgend sollen einige Details aus dem Werk dargestellt werden, da es auch in Finnland zur Kenntnis genommen wurde. Rühs charakterisierte die Finnen wie folgt:

Die Finlaender haben eine dunkle Farbe, ein ernstes duestres Aussehn, eine grobe Stimme, eine langsame Rede, starke Glieder und einen festen Gang. Das Haar ist gelblich, bisweilen roetlich oder weiß, auch dunkelgelb. Beim Wort den Mann, am Horn den Ochsen (sanasta miestä, sarwesta härkää) ist ein altes finlaendisches Sprichwort, das den Nationalcharakter schoen bezeichnet [...]

Weitere Merkmale der Finnen sind nach Rühs ihr Eigensinn, Skepsis gegenüber Neuerungen, Gastfreundschaft und Bescheidenheit. Gleichwohl wusste Rühs auch zwischen den Finnen verschiedener Regionen zu unterscheiden.

Interessant erscheint die Darstellung der finnischen Gesänge bei Rühs. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Glaube an Beschwörer und Zauberer sehr lebendig. "Ein vorzueglich kraeftiges Mittel, dessen sich die Schwarzkuenstler bedienen, sind die Zauberrunot (Zaubergesaenge)." Die Sammlung der Zauberlieder im Kontext der Volksliedsammlungen wurde durch die Weigerung der Sänger, ihr Wissen preiszugeben, erheblich erschwert. Da man von der Kraft der Sprüche überzeugt war, ließen die Sänger beim Vortrag für den Sammler die aus Sicht der Sänger entscheidenden Verse aus, um das Wissen nicht weiterzugeben.

Rühs beschrieb weiterhin zutreffend, dass die Gemeindepfarrer in schwedischer Sprache ausgebildet wurden, während der Gottesdienst allgemein in finnischer Sprache gehalten wurde, was in der Praxis zu Verständigungsproblemen führte. In Juslenius' Werk Aboa vetus et nova findet sich die Angabe, dass der Gottesdienst im Dom von Turku abwechselnd auf Finnisch und Schwedisch, an Sonntagen in beiden Sprachen abgehalten wurde. Das kenntnisreiche Werk Rühs' geht an verschiedenen Stellen auf das Verhältnis von schwedischer und finnischer Sprache ein. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfolgte aus seiner Sicht eine stete Zunahme des Schwedischen in Finnland: "Abscheulich und abgeschmackt war uebrigens die Idee, die bisweilen in beschraenkten Koepfen aufgestiegen ist, daß die Regierung dies Volk zwingen sollte, auf seine Muttersprache Verzicht zu thun [...]" Die Sprache wird folgendermaßen eingeschätzt:

Die finlaendische Sprache ist sehr melodisch und zum Gesang geschickt [...]; wenn sie gut gesprochen wird, ist ihr eine gewisse feierliche Fuelle eigen. Sie ist übrigens nicht sehr ausgebildet, da sie zu schriftlichen Darstellungen nur wenig benutzt wird: auch sind nur wenige Huelfsmittel zu ihrer Erlernung vorhanden.

An den Äußerungen Rühs' wird die erkannte mangelhafte Ausprägung der finnischen Sprache ersichtlich. Der Hinweis auf die übliche Geringschätzung in Teilen der schwedischsprachigen Bevölkerung beschreibt eine Ansicht, gegen die sich in den folgenden Jahrzehnten insbesondere J. V. Snellman und dessen Nachfolger Yrjö Sakari Yrjö-Koskinen (1830-1903) richteten.

Weitaus bedeutender als das Werk Rühs' war jedoch die folgende von K. A. Gottlund verfasste Rezension:

Wenn daher die Jugend Finnlands, die am meisten geschätzten Autoren des Vaterlands (denn in dieser Hinsicht wird von den Älteren nicht viel zu erhoffen sein) versuchen würde, sich um die einheimische Literatur zu kümmern und an ihr zu arbeiten - welches Arbeitsgebiet sich ihrem Unterfangen öffnen würde! Sie fänden Stellen, die sie vergebens in ausländischer Literatur suchen würden - ja, der Kritiker [d. i. Gottlund] geht so weit zu behaupten, dass, wenn man die alten Volkslieder sammeln wollte und aus diesen ein geordnetes Ganzes bildete, so entstünde daraus ein Epos, ein Drama oder etwas anderes, dann könnte daraus ein neuer Homeros, Ossian oder Niebelungenlied erwachsen; und die finnische Literatur erwachte in ihrer Besonderheit zu Glanz und Ehre, sich ihrer selbst bewusst, dem Strahlenkranz ihres Fortschritts, zur Bewunderung der Zeitgenossen und der Nachwelt.

Die hier erkennbare Idee eines finnischen Epos auf der Grundlage der Volksdichtung formulierte Gottlund als erster in dem gegebenen Zitat. Dieser Gedanke blieb an der Universität Turku nicht ohne Wirkung und wurde in der Folgezeit auch von Reinhold v. Becker aufgegriffen, der auch dem Beispiel Gottlunds folgte, die Volksdichtung durch Sammelreisen zusammenzutragen. Dabei scheint die zeitgenössische Diskussion in Deutschland zum Nibelungenlied und der Wolfschen Liedertheorie recht genau verfolgt worden zu sein. Wie bei dem Nibelungenlied erfolgte bereits zu Beginn der Rezeption die Verbindung mit den Epen Homers.

Universitätsschriften, Band 2.
ISBN 978-3-939060-05-5. € 15,90.

 

 

 

 


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